Lotte

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Ein ganz anderes Lernen: Astrid Lindgren in Ihrem Buch "Na klar, Lotta kann Rad fahren"

Die kleine Lotta wünscht sich zum Geburtstag sehnlichst ein Fahrrad. Doch leider: sie bekommt keines. Und auf ihr altes Dreirad hat sie keine Lust mehr. Im Schuppen von Tante Berg entdeckt sie ein altes Fahrrad. Obwohl das viel zu groß ist, schiebt sie es auf die Straße, steigt auf, rast die Straße hinunter - und landet im hohen Bogen im Rosenstrauch. Es ist nochmal glimpflich abgegangen!

Nachdem die Eltern endlich verstanden haben, wie sehr sich Lotta ein Fahrrad wünscht, bringt ihr Vater abends ein Fahrrad mit, das die richtige Größe hat. Und Lotta lernt mit großer Begeisterung, mit dem Rad zu fahren. Sie lernt, indem sie probiert aufzusteigen - und es immer wieder probiert, bis es klappt. Sie lernt durch unzählige wackelige Versuche, über einige wenige Meter zu fahren - mit vielen Stürzen.

Obwohl dies alles auch einige Schmerzen mit sich bringt: am Ende ist Lotta eine stolze Fahrradfahrerin, die sich voller Übermut in neue Abenteuer wagt: freihändig fahren.

... und der nächste Sturz ist fällig


Welche Schlüsse lassen sich aus der kleinen Geschichte von Lotta ziehen?

Vorstellungen Es kommt darauf an, Vorstellungen zu entwickeln: Was will ich lernen? Bei Lotta ist das ziemlich eindeutig: Sie hat den unbedingten Wunsch, Fahrradfahren zu lernen. Aber es kann natürlich auch viel schwieriger werden. Um eine gute Wahl treffen zu können, müssen unsere Überlegungen etwas weiter führen. Wir benötigen Vorstellungen, was wir mit unserem Leben erreichen wollen. Es geht darum, sich Klarheit darüber zu verschaffen, was wir "wirklich, wirklich" wollen und Anschluss an diese Vorstellungen zu finden.
Ziele Lernen bedeutet, sich jene Fähigkeiten, Fertigkeiten und jenes Wissen anzueignen, die man benötigt, um die Ziele zu erreichen, die man im Leben wirklich erreichen will. Für komplexere Lernaufgaben als Fahrradfahren lernen (z.B. ein Studium erfolgreich absolvieren) müssen aus solchen eher allgemeinen Überlegungen einzelne Vorstellungen "herausgelöst" und in Zielsetzungen konkretisiert werden: benennbare und erreichbare Ziele.
... ein kleiner Exkurs Ein Wort zu der Art von Zielen, die anzustreben sich lohnt: Unsere Kultur ist sehr stark geprägt von der Vorstellung, etwas zu haben oder zu besitzen würde glücklich machen. Viele Zielvorstellungen von Menschen bewegen sich daher in diesem Bereich. Und selbstverständlich ist der Besitz von schönen Dingen auch etwas Schönes ...

Aber prüfen Sie einmal, was hinter solchen Zielen steht. Oft ist es etwas anderes, was wir über den Umweg der Dinge zu erreichen suchen: etwas Eigenes gestalten können, Anerkennung von Anderen finden ...

Wille Für unser Handeln wirksam werden solche Vorstellungen erst dann, wenn wir auch den Willen aufbringen, uns für diese Ziele einzusetzen.
Abenteuer Lernen Nicht immer kann man die angestrebten Fähigkeiten durch die Teilnahme an irgendeiner Form von Unterricht erwerben. Oft lernt man schneller und besser, indem man sich einfach in das Leben hineinbegibt. Indem man sich auf ein Abenteuer einlässt und einfach anfängt, das zu tun, was man tun oder können möchte (Achtung: Das kann auch gefährlich sein!).
Unsicherheit aushalten Das hat viel zu tun mit Mut. Auch Lotta braucht Mut, um das viel zu große Fahrrad zu besteigen (Glücklicherweise passiert kein Unglück und sie bekommt später ein Fahrrad, das sie tatsächlich beherrschen kann). Und Lotta braucht Vertrauen in die eigenen Kräfte und Fähigkeiten, genau das tun, lernen zu können, was sie sich vorgestellt hat. Dieses Vertrauen macht es dann möglich, auch die Unsicherheit auszuhalten, die die neue Aufgabe mit sich bringt.

Diese emotionalen Eigenschaften - Mut, Vertrauen, Unsicherheit aushalten - sind zu Beginn eines Lernprozesses vielleicht wichtiger als bereits detaillierte Vorkenntnisse.

Was meinen Sie: Ob Lotta wohl schneller, sicherer, zufriedener Fahrrad fahren gelernt hätte, wenn sie in einem schulischen Lehrgang erst einmal die theoretischen Grundlagen hätte erwerben müssen, die man zur sachgerechten Bedienung eines Fahrrads unbedingt benötigt ...?

... und noch ein Exkurs Entschuldigen Sie die Ironie. Selbstverständlich kann eine Form von Unterricht in vielen Fällen die richtige und effektive Art des Lernens darstellen. Nur: Unsere vorherrschende Lernkultur vertraut dieser Lernform, wie mir scheint, zu sehr. Darüber wird oft vergessen, dass Menschen in der Lage sind, selbstbestimmt und in eigener Verantwortung, ohne - mehr oder weniger - professionelle Unterstützung oder Begleitung zu lernen. Und diese Lernpotentiale gilt es auch in organisierten Lernsituationen zu erschließen.

Zur Bewältigung der großen Lernanforderungen, vor die uns unsere Welt heute stellt, brauchen wir die ganze Vielfalt des Lernens: das veranstaltete, organisierte Lernen, und das "wildwüchsige Lernen en passant", das "selbstorganisierte" Lernen mit Medien und ohne, und, und, und ...

Anstrengung Der Prozess des Lernens kann Anstrengung kosten. Lotta muss immer wieder die Mühe auf sich nehmen, ihr Fahrrad erneut zu besteigen. Und doch kann es sein, dass sie diese Anstrengung nicht als solche wahrnimmt, weil sie getragen wird vom unbedingten Wunsch, Fahrradfahren zu lernen.
Schmerz Lernen kann schmerzhaft sein - und Schmerz kann lernen helfen. Lottastürzt und schlägt sich das Knie auf. Das tut weh. Es ist die natürliche Folge eines noch ungeübten, nicht wirklich sicheren Fahrvermögens. Und doch kann der Schmerz für Lotte hilfreich sein: Sie erfährt durch den Schmerz, dass sie zu schnell in die Kurve gefahren ist, dass sie sich zuviel zugemutet hat, dass ...

Es kommt allerdings darauf an, wie Lotta mit diesem Schmerz umzugehen versteht. Sie könnte nach dem ersten Sturz aufgeben und sich sagen: "Fahrradfahren - das ist nichts für mich" - und sich so, vielleicht für lange Zeit, eine wichtige Lernerfahrung verbauen.

Sie könnte jedoch auch blind wütend weitermachen, ohne ihre Fehler zu erkennen und zu korrigieren. Auch auf diesem Wege bliebe ihr vermutlich das Fahrrad fahren lange verschlossen.

Vorbilder Lernen wird erleichtert durch geeignete Vorbilder. Lottas Wunsch, Fahrradfahren zu lernen, ist vermutlich ganz wesentlich dadurch entstanden, dass sie ihre Geschwister mit ihren Fahrrädern beobachtet hat, dabei stehen musste, ohne es selbst zu können.
Unterstützung Lernen fällt leichter mit Unterstützung. Ganz ohne Hilfe ihrer Geschwister und Eltern hätte sich Lotta sicher sehr viel schwerer getan zu lernen. Doch hier kommt es auf das rechte Maß an: Manche Kinder fahren Jahre lang mit Stützrädern, bevor sie endlich lernen, frei die Balance zu halten.
Spaß haben ... natürlich, und das ist ganz wichtig: Das Tun macht Spaß, das Erleben von Fortschritten, die Überwindung des Widerstandes, die die Welt unserem Willen entgegen setzt, die körperliche Bewegung ...

Spaß gehört zum Lernen - oder sollte es zumindest.

Vielleicht erinnern Sie sich daran, wie Sie selbst als Kind Fahrradfahren gelernt haben, oder etwas anderes. Wie Sie ganz bei der Sache waren, von Freude und Begeisterung gefesselt. Und vielleicht gelingt es Ihnen, ein bisschen davon in Ihr Lernen heute wieder aufzunehmen.

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